1820 kontrollierte eine einzige britische Gesellschaft den deutschen Feuerversicherungsmarkt. Ein Kaufmann aus Thüringen änderte das mit einer Idee, die so simpel war, dass sie bis heute trägt: Wer gemeinsam haftet, zahlt weniger.
Bis zum Sommer 1820 gab es auf deutschem Boden keine ernstzunehmende deutsche Feuerversicherung. Wer sein Lager, sein Haus oder seinen Betrieb absichern wollte, wandte sich an die Londoner Phoenix Assurance Company, die dieses Geschäft nahezu monopolartig kontrollierte. Ein Kaufmann aus Gotha fand das schlicht unerträglich.
Ernst Wilhelm Arnoldi war kein Reformer aus Idealismus. Er war Händler, Fabrikbesitzer und jemand, der wusste, was ein einziger Brandschaden einem Kaufmann antun konnte. Was fehlte, war eine Institution, der man vertrauen konnte und die man sich leisten konnte. Die Phoenix bot weder das eine noch das andere zu deutschen Bedingungen.
Hamburg, 1794: Wo die Idee ihren Anfang nahm
Arnoldi wurde am 21. Mai 1778 in Gotha geboren, als ältester Sohn eines Kolonialwarenhändlers. Mit 16 Jahren schickte ihn sein Vater als Lehrling nach Hamburg, zum Handelshaus Johann Gabe & Comp.. Dort arbeitete er von Montag bis Samstag, von früh morgens bis 22 Uhr. Neben dem Kontor besuchte er Vorlesungen des Versicherungstheoretikers Johann Georg Büsch, der das Gegenseitigkeitsprinzip im Versicherungswesen ausarbeitete: Wenn viele gemeinsam für die Schäden weniger aufkommen, sinken die Kosten für alle drastisch. Dieser Gedanke ließ Arnoldi nicht mehr los.
1799 kehrte er nach Gotha zurück, übernahm das väterliche Geschäft und baute es zu einer der größten Handelsfirmen Thüringens aus. 1804 gründete er eine Farbholzfabrik, 1808 eine Steingutfabrik, 1817 in der Gothaer Innungshalle die erste deutsche Handelsschule. Wenn Arnoldi etwas fehlte, baute er es.
1817 bis 1819: Vom Aufsatz zum Gründungsplan
Im Jahr 1817 veröffentlichte Arnoldi im Allgemeinen Anzeiger der Deutschen einen ersten Debattenbeitrag über die Idee einer eigenständigen deutschen Feuerversicherung. Der Artikel blieb zunächst ohne direkte Konsequenzen, löste aber eine breite Diskussion in der Gothaer Kaufmannschaft aus.
Zwei Jahre später, am 2. September 1819, erschien im selben Blatt sein konkreter Gründungsaufruf: “Vorschläge zu Errichtung einer Feuerversicherungsbank für kaufmännische Warenlager, Kaufmannshäuser und Mobiliare derselben.” Das Kernprinzip: Die Versicherten haften gemeinsam füreinander, beaufsichtigen die Institution selbst und bekommen Gewinne zurückerstattet. Keine externen Aktionäre, die abschöpfen. Sechzehn Gothaer Kaufleute unterschrieben das Grundsatzpapier auf der Stelle.
Am 1. Oktober 1819 fiel die Wahl des Sitzes auf Gotha: Die Stadt lag zentral in Deutschlands Mitte, der herzogliche Verwaltungsapparat war schlank, und für Versicherungsgesellschaften wurden keine Sonderabgaben erhoben. Innerhalb weniger Monate hatten sich 118 Kaufleute und Unternehmen eingetragen.
Gothaer Konzerngeschichte · Wikipedia DE, Ernst Wilhelm Arnoldi
2. Juli 1820: Die Feuerbank tritt zusammen
An diesem Tag trat der Vorstand der Feuerversicherungsbank des Deutschen Handelsstandes in Gotha zur konstituierenden Sitzung zusammen. Arnoldi wurde ehrenamtlicher Direktor. Noch im Herbst 1820 wurden rund 350 Versicherungsagenten in ganz Deutschland angeworben. Den Geschäftsbetrieb nahm die Feuerbank am 1. Januar 1821 auf.
Was danach kam, sprach für sich:
| Kennzahl | Wert | Beschreibung |
|---|---|---|
| Taler Versicherungssumme bis Ende 1821 | 13,5 Mio. | Taler Versicherungssumme bis Ende 1821 |
| Beitragsrückerstattung im ersten Betriebsjahr | 31 % | Beitragsrückerstattung im ersten Betriebsjahr |
| Beitragsrückerstattung bis Ende 1822 | 64 % | Beitragsrückerstattung bis Ende 1822 |
Das Monopol der Phoenix Assurance auf dem deutschen Markt war damit gebrochen. 1827 gründete Arnoldi eine zweite Institution: die Gothaer Lebensversicherungsbank für Deutschland, die erste ihrer Art auf deutschem Boden. Sieben Fachleute aus Rechtswissenschaft, Medizin und Mathematik wirkten am Aufbau mit. Sie wurden später als die “Sieben Weisen” bezeichnet. 1830 wurde die Feuerbank offiziell in Gothaer Feuerversicherungsbank für Deutschland umbenannt.
Hamburg, 5. Mai 1842: Die härteste Probe
Arnoldi erlebte das nicht mehr. Er starb am 27. Mai 1841 in Gotha. Ein Jahr später zeigte sich, wie nötig das war, was er aufgebaut hatte. Am frühen Morgen des 5. Mai 1842 brach in Eduard Cohens Zigarrenfabrik in der Hamburger Deichstraße ein Feuer aus. Es brannte vier Tage.
- Branddauer 5. bis 8. Mai 1842, vier Tage ununterbrochen
- Zerstörung 1.749 Häuser, drei Kirchen, zwei Synagogen, das Rathaus und weitere öffentliche Gebäude
- Einsatzkräfte rund 1.150 Feuerwehrleute und zahlreiche Freiwillige
- Gesamtschaden rund 90 Millionen Mark
- Folge für die Branche Der Brand beschleunigte die Professionalisierung und Ausweitung der Feuerversicherung in ganz Deutschland
Der Hamburger Brand wurde zur Zäsur für das gesamte deutsche Versicherungswesen. Er belegte, dass das Risiko real und massiv war, und gab dem Gedanken der organisierten Feuerversicherung endgültig gesellschaftliche Legitimität.
Von Gotha nach Köln: 150 Jahre unter dem Namen Feuerbank
Das Unternehmen überstand zwei Weltkriege und die Hyperinflation. Nach der sowjetischen Besetzung Gothas 1945 war der Weiterbetrieb am Gründungsort nicht mehr möglich. Am 5. März 1946 verlegte die Gesellschaft ihren Sitz nach Köln. 1970 verschwand das Wort “Feuer” nach 150 Jahren aus dem Namen, als das Unternehmen in Gothaer Versicherungsbank VVaG umbenannt wurde.
Die Gothaer Gruppe heute
- Sitz: Köln (seit 5. März 1946)
- Mitglieder: ca. 4,1 Millionen
- Mitarbeiter: ca. 5.007 (Stand 2022)
- Umsatz: 4,56 Milliarden Euro (2022)
- Rating: “A” von Fitch und Standard & Poor’s
- Museum: Deutsches Versicherungsmuseum Ernst Wilhelm Arnoldi, Bahnhofstraße 3A, Gotha, eröffnet 18. Mai 2009
Was von der Feuerbank geblieben ist
Das ehemalige Hauptgebäude der Gothaer Lebensversicherungsbank in Gotha, ein eklektizistischer Bau von 1894, diente nach 1945 als Sitz der staatlichen Versicherung der DDR. Gothaer kaufte es nach der Wiedervereinigung zurück, sanierte es und übergab es dem Deutschen Versicherungsmuseum Ernst Wilhelm Arnoldi. Gotha nennt sich nicht ohne Grund “Wiege des deutschen Versicherungswesens”. Am Geburtshaus Arnoldis am unteren Hauptmarkt hängt bis heute eine Gedenktafel. Der nach ihm benannte Platz und das Arnoldi-Gymnasium tragen seinen Namen.
Was Arnoldi 1820 unter dem Namen Feuerbank gründete, war kein Unternehmen im üblichen Sinn. Es war ein Mechanismus: Viele tragen gemeinsam das Risiko, das keiner allein schultern kann. Dieser Gedanke, damals auf 16 Unterschriften eines Gothaer Kaufmannskreises gegründet, ist in den Grundstrukturen des deutschen Versicherungswesens bis heute intakt.



