Mit zehn Jahren hörte sie auf zu essen. Mit fünfzehn entdeckte sie die Kamera. Ihr Werk zwingt bis heute zur Auseinandersetzung mit Schmerz, Körper und Kunst.
Lene Marie Fossen wollte kein Mädchen werden. Mit zehn Jahren traf sie eine Entscheidung, die ihr Leben bestimmen sollte: Sie hörte auf zu essen, um nicht zu wachsen, nicht erwachsen zu werden, nicht in eine Welt einzutreten, in der die Zeit unaufhaltsam voranschreitet. Diese Entscheidung kostete sie am Ende das Leben.
Fossen, geboren am 18. August 1986 in Norwegen, starb am 22. Oktober 2019. Sie war 33 Jahre alt. Die Magersucht, mit der sie seit ihrer Kindheit lebte, hatte ihren Körper irreparabel geschädigt. Doch zwischen diesen beiden Daten liegt ein Werk, das weit über ihre Krankheit hinausreicht.
“Meine Fotografien handeln nicht von Magersucht. Sie handeln von menschlichem Leid.”
Lene Marie Fossen
Die Kamera als Werkzeug gegen die Zeit
Als Teenager entdeckte Fossen die Fotografie, und zwar aus demselben Antrieb heraus, der sie zur Krankheit geführt hatte: dem Wunsch, Zeit zu fixieren. Die Kamera konnte einfrieren, was der Körper nicht aufhalten konnte. Sie war Autodidaktin, lernte ohne Ausbildung, ohne Schule, allein durch das Auge.
Ihr Schwerpunkt: Schwarz-Weiß-Porträts von Menschen. Alte Menschen mit gefurchten Gesichtern faszinierten sie ebenso wie Kinder. Fotografin Morten Krogvold, einer der renommiertesten Porträtfotografen Norwegens, erkannte ihr Talent früh und begleitete sie über Jahre. Sein Urteil war eindeutig: Fossen sei das größte fotografische Talent, das er in über zwanzig Ländern je getroffen habe.
Stationen ihres Werks
- Schwarz-Weiß-Selbstporträts in einem verlassenen Lepra-Krankenhaus auf Chios, Griechenland
- Einfühlsame Porträts syrischer Flüchtlingskinder auf der Insel Chios
- TEDx-Vortrag in Arendal (2017) gemeinsam mit Morten Krogvold
- Durchbruchsausstellung 2017 beim Nordic Light Festival in Kristiansund
- Posthume Wanderausstellung “The Gatekeeper” (ab 2020)
Die Selbstporträts von Chios
2017 wurden Bilder öffentlich, die Norwegen erschütterten. Fossen hatte sich in einem verlassenen Krankenhaus auf der griechischen Insel Chios fotografiert: ihr ausgemergelter Körper, dramatisches Licht, absolute Stille. Die Kritik verglich ihre Lichtsetzung mit der des Barockmalers Caravaggio. Besucher der Ausstellungen standen vor diesen Bildern und weinten.
Gleichzeitig fotografierte sie auf Chios die Kinder, die vor dem Krieg in Syrien geflohen waren. Zwischen diesen beiden Bildserien liegt eine stille Verbindung: das Motiv des verletzten, des in der Zeit steckengebliebenen Kindes.
Fossen bestand darauf, als Künstlerin wahrgenommen zu werden, nicht als Kranke. Ihr Satz blieb bestehen: “Ich bin zuerst Künstlerin. Dann bin ich krank.” Diese Haltung prägte ihren gesamten öffentlichen Auftritt.
Zwischen Kunst und Krankheit
Der Widerspruch, in dem Fossen lebte, war real und unlösbar. Die Magersucht war die Quelle ihres Leidens und gleichzeitig Bestandteil ihrer Kunst. Sie beschrieb die Krankheit als Gefängnis, in dem die Krankheit alle Entscheidungen trifft. Und doch: Ohne sie wären die Selbstporträts nicht entstanden.
Die Erkrankung begann ihre Augen zu schädigen. Makuladegeneration, verursacht durch jahrzehntelangen Nährstoffmangel, bedrohte ihre Sehfähigkeit. Eine Fotografin, die nicht mehr sehen kann. Fossen äußerte in Interviews offen ihre Angst: Sie fürchtete, dass Gesundheit ihre Kunst zerstören würde.
Chronologie: Ein Leben in Bildern
- 1986
Geburt am 18. August in Norwegen.
- 1996
Im Alter von zehn Jahren beginnt sie, die Nahrungsaufnahme zu verweigern, um das Aufwachsen zu verhindern.
- ~2001
Als Teenager entdeckt sie die Fotografie als Autodidaktin.
- 2017
Durchbruch beim Nordic Light Festival. Selbstporträts aus Chios sorgen in Norwegen für breite öffentliche Aufmerksamkeit. TEDx-Auftritt in Arendal gemeinsam mit Morten Krogvold.
- 2019
Während der Arbeit an einem Dokumentarfilm erleidet sie einen Autounfall in Griechenland. Am 22. Oktober stirbt sie in Folge ihrer langjährigen Erkrankung. Gewicht: 25 Kilogramm.
- 2020
Dokumentarfilm “Self-Portrait” (Regie: Margreth Olin, Katja Høgseth, Espen Wallin) erscheint posthum auf NRK, ARTE und weiteren Sendern. Ausstellungspremiere “The Gatekeeper” in Oslo, Musik von Susanne Sundfør.
- 2022
Soloausstellung im Open Art Museum St. Gallen, Schweiz. Ihre Werke erreichen internationales Publikum.
Was bleibt
Der Dokumentarfilm “Self-Portrait”, der Monate nach ihrem Tod ausgestrahlt wurde, stellt eine unbequeme Frage: Welche Behandlung brauchen Menschen mit schwerer Magersucht wirklich? Die Produzenten, darunter die renommierte Dokumentarfilmerin Margreth Olin, liefern keine einfache Antwort. Das ist die Stärke des Films.
Die Ausstellung “The Gatekeeper”, kuratiert von Ilgin Deniz Akselogu und mit Musik von Susanne Sundfør unterlegt, zeigt sechzehn Selbstporträts. Sie war in Oslo, beim Auckland Festival of Photography, am Helgeland Museum und in der Schweiz zu sehen. Ein Teil der Einnahmen geht an Organisationen zur Prävention von Essstörungen.
Lene Marie Fossen hat hinterlassen, was sie immer wollte: Bilder, die Zeit anhalten. Nicht durch ihre Krankheit, sondern durch ihre Kunst.



