Einführung
Johann „Jack” Unterweger war ein österreichischer Straftäter, dessen Fall in den frühen 1990er Jahren internationale Aufmerksamkeit auf sich zog. Er wurde 1976 wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, begann während seiner Haft zu schreiben und wurde nach seiner Entlassung im Jahr 1990 mit weiteren Morden in Verbindung gebracht. Der Fall berührt Fragen der Justiz, der Medienberichterstattung und der öffentlichen Rezeption von Straftätern. Unterweger starb am 29. Juni 1994 in der Haft, wenige Stunden nach seiner Verurteilung.
Kurzprofil
| Merkmal | Detail |
|---|---|
| Vollständiger Name | Johann „Jack” Unterweger |
| Geboren | 16. August 1950, Judenburg, Steiermark |
| Gestorben | 29. Juni 1994, Graz-Karlau |
| Nationalität | Österreichisch |
| Verurteilung | Mord (1976), neun weitere Morde (1994) |
| Tätigkeiten | Schriftsteller, Journalist, Häftling |
| Bekannte Werke | Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus (1983) |
Kurzchronologie
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1950 | Geburt in Judenburg, Österreich |
| 1974 | Mord an Margret Schäfer |
| 1976 | Verurteilung zu lebenslanger Haft |
| 1983 | Veröffentlichung der Autobiografie Fegefeuer |
| 1990 | Entlassung auf Bewährung |
| 1991 | Aufenthalt in Los Angeles, Ermittlungen in Österreich |
| 1992 | Verhaftung in Miami, Auslieferung nach Österreich |
| 1994 | Verurteilung wegen neun Mordes, Tod in der Haft |
Herkunft und Jugend
Unterweger wurde am 16. August 1950 in Judenburg, Steiermark, geboren. Seine Mutter Theresia war Bardame und Kellnerin aus Klagenfurt. Sie gab an, sein Vater sei Jack Becker, ein US-Soldat aus New Jersey, den sie 1949 in Triest kennengelernt hatte. Unterweger wuchs überwiegend bei seinem Großvater Ferdinand Wieser auf. Im Februar 1952 wurde er in die Obhut seines Großvaters gegeben, bei dem er bis zum Alter von acht Jahren blieb.
Er brach die Schule ab, durchlief mehrere Lehrstellen und wurde im Alter von 16 Jahren erstmals wegen eines Angriffs auf eine Prostituierte verhaftet. In den folgenden Jahren folgten weitere Vergehen, darunter Raub und Körperverletzung. Diese frühe Strafakte bildete den Hintergrund für seine spätere Verurteilung.
Der Mord von 1974 und die Verurteilung
Im Jahr 1974 nahm Unterweger gemeinsam mit seiner damaligen Freundin die 18-jährige Margret Schäfer in sein Auto mit. Er tötete sie anschließend im Wald. Die Tatumstände wurden im darauffolgenden Prozess dokumentiert. Seine Methode, das Opfer mit der eigenen Unterwäsche zu erwürgen, sollte auch bei späteren Fällen als Merkmal der Ermittlungen eine Rolle spielen.
Im Jahr 1976 wurde Unterweger wegen des Mordes an Margaret Schäfer zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Zusätzlich lagen Verurteilungen wegen Vergewaltigung und Körperverletzung aus früheren Jahren vor. Er wurde in die Justizanstalt Stein an der Donau eingewiesen, wo er die folgenden Jahre verbrachte.
Literarische Tätigkeit im Gefängnis
Unterweger war bei seiner Inhaftierung Analphabet. Im Laufe seiner Haftzeit lernte er lesen und schreiben und begann, literarische Texte zu verfassen, darunter Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke und eine Autobiografie. Sein autobiografisches Werk Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus erschien 1983 und fand in österreichischen Kulturkreisen erhebliche Resonanz. Es wurde in Schulen unterrichtet und von Literaturkritikern positiv besprochen.
Sein literarischer Erfolg zog die Aufmerksamkeit einflussreicher Persönlichkeiten auf sich, darunter die Nobelpreisträgerinnen Elfriede Jelinek und Günter Grass, die sich öffentlich für seine Entlassung einsetzten. Er wurde schließlich vom österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim begnadigt und am 23. Mai 1990 auf Bewährung entlassen. Der Anstaltsleiter erklärte bei seiner Entlassung, man werde „nie wieder einen Gefangenen finden, der so gut auf die Freiheit vorbereitet ist.”
Entlassung und erneute Ermittlungen
Nach seiner Entlassung etablierte sich Unterweger rasch im österreichischen Medienbetrieb. Er trat in Talkshows auf, veröffentlichte weitere Texte und berichtete als freier Journalist über Kriminalfälle. Innerhalb eines Jahres nach seiner Entlassung wurden in Österreich mehrere Frauen ermordet, darunter Brunhilde Masser, Heidi Hammerer, Elfriede Schrempf, Silvia Zagler, Sabine Moitzl, Karin Eroglu-Sladky und Regina Prem. Die Opfer wurden auf ähnliche Weise getötet.
Eine weitere Ermordete, Blanka Bočková, wurde in der damaligen Tschechoslowakei gefunden. Die österreichischen Behörden begannen, Verbindungen zwischen den Fällen zu prüfen. Die Ermittlungen gestalteten sich zunächst schwierig, da Unterweger zu diesem Zeitpunkt öffentlich als rehabilitierter Straftäter galt und in Kulturkreisen gut vernetzt war.
Der Aufenthalt in Los Angeles
Im Jahr 1991 reiste Unterweger im Auftrag eines österreichischen Magazins nach Los Angeles, um einen Artikel über das Rotlichtviertel in den USA im Vergleich zu Österreich zu verfassen. Er wohnte im Cecil Hotel, einem Hotel in der Innenstadt von Los Angeles, das bereits durch frühere Kriminalfälle bekannt war. Berichten zufolge begleitete er während seines Aufenthalts auch Beamte des Los Angeles Police Department bei Streifenfahrten durch das Stadtviertel.
Kurz nach seiner Ankunft wurden drei Frauen tot aufgefunden: Shannon Exley am 20. Juni 1991, gefolgt von Irina Rodriguez und Sherri Ann Long. Alle drei wurden auf vergleichbare Weise getötet. FBI-Ermittler, darunter Profiler Gregg McCrary vom Behavioral Sciences Unit, stellten fest, dass die Tatmerkmale auf einen einzelnen Täter hindeuteten. Die Morde endeten mit Unterwegers Abreise aus Los Angeles.
Fahndung, Verhaftung und Prozess
Als die Grazer Polizei ausreichend Beweise gesammelt hatte, war Unterweger bereits geflohen. Er reiste mit seiner damaligen Freundin Bianca Mrak durch die Schweiz und Frankreich in die USA und wurde am 27. Februar 1992 von US Marshals in Miami, Florida, festgenommen. Während der Fahndung meldete er sich telefonisch beim österreichischen Rundfunk ORF und bestritt jede Beteiligung an den Morden.
Am 27. Mai 1992 wurde er nach Österreich ausgeliefert und wegen elf Morden angeklagt. Der Prozess fand 1994 in Graz statt und zog erhebliche Medienaufmerksamkeit auf sich. Das Gericht befand ihn am 29. Juni 1994 in neun Fällen für schuldig. Noch in derselben Nacht wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden. Die Todesursache war Suizid durch Erhängen.
Mediale Rezeption und öffentliche Wahrnehmung
Der Fall Unterweger wurde in Österreich breit diskutiert, vor allem wegen der Frage, wie ein wegen Mordes verurteilter Häftling nach nur 15 Jahren entlassen werden konnte. Der österreichische Rundfunk ORF berichtete auch nach Bekanntwerden der Verdächtigungen weiterhin wohlwollend über Unterweger. Die Unterstützung durch prominente Kulturschaffende, die sich für seine Entlassung eingesetzt hatten, wurde nach seiner erneuten Verurteilung öffentlich thematisiert.
FBI-Profiler McCrary beschrieb Unterweger nach dem Prozess als außergewöhnlich organisierten Täter mit ausgeprägter Fähigkeit zur sozialen Manipulation. Der Fall führte in Österreich zu einer Debatte über die Kriterien für die vorzeitige Entlassung von Schwerkriminellen und die Rolle der Öffentlichkeit und der Medien dabei. Diese Diskussion dauerte weit über seinen Tod hinaus an.
Adaptionen und Nachwirkung
Der Fall Unterweger wurde einem internationalen Publikum vor allem durch die Netflix-Dokumentarserie Crime Scene: The Vanishing at the Cecil Hotel bekannt, in der sein Aufenthalt im Cecil Hotel und die Los-Angeles-Ermittlungen behandelt werden. Im Jahr 2024 widmete die Peacock-Produktion World’s Most Notorious Killers dem Fall eine Episode unter dem Titel The Vienna Strangler. Beide Produktionen ordneten den Fall in ein internationales Rahmennarrativ über Serienkriminalität ein.
Im Theaterbereich entstand das Stück The Infernal Comedy: Confessions of a Serial Killer, in dem John Malkovich die Rolle Unterwegers übernahm. Der österreichische Spielfilm Jack aus dem Jahr 2015, unter der Regie von Elisabeth Scharang mit Johannes Krisch in der Hauptrolle, behandelt eine fiktionalisierte Version der Ereignisse. Sachbücher wie Entering Hades von John Leake und Austrian Psycho von Malte Herwig dokumentieren den Kriminalfall aus journalistischer und historischer Perspektive.
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Morde werden Jack Unterweger zugeschrieben? Unterweger wurde offiziell wegen neun Morden verurteilt. Insgesamt werden ihm mindestens zwölf Taten in Österreich, Deutschland, der Tschechoslowakei und den USA zugerechnet.
Warum wurde er 1990 entlassen? Er wurde nach fünfzehn Jahren Haft entlassen, nachdem seine literarischen Arbeiten in der Öffentlichkeit als Zeichen erfolgreicher Resozialisierung gewertet wurden und prominente Fürsprecher aus dem Kulturbetrieb seine Begnadigung unterstützt hatten.
Wo wohnte er während seines Aufenthalts in Los Angeles? Unterweger wohnte 1991 im Cecil Hotel in der Innenstadt von Los Angeles, offiziell auf Einladung eines österreichischen Magazins für einen Reportageauftrag.
Wie starb Jack Unterweger? Er wurde am 29. Juni 1994 schuldig gesprochen und noch in derselben Nacht tot in seiner Zelle in der Justizanstalt Graz-Karlau aufgefunden. Die Todesursache war Suizid.
Der Fall Unterweger gilt als einer der international beachteten österreichischen Kriminalfälle des 20. Jahrhunderts. Die Kombination aus Medienpräsenz, literarischer Tätigkeit und transnationaler Ermittlungsarbeit machte ihn zu einem vieldiskutierten Gegenstand der Kriminologie, der Justizgeschichte und der Medienwissenschaft.



